Quelle A: Studienbericht
Sprachstand und Schulerfolg: Befunde einer Längsschnittstudie
Die vorliegende Untersuchung begleitete 3.100 Kinder an 84 Grundschulen von der Einschulung bis zum Ende der vierten Klasse. Erhoben wurden Wortschatz, Leseverständnis und Schreibfähigkeit jeweils zu Beginn und zum Ende jedes Schuljahres sowie Angaben zur Sprachverwendung im Elternhaus.
Der Befund zum Ausgangsniveau bestätigt bekannte Ergebnisse: Die Unterschiede im Wortschatz sind bei der Einschulung erheblich und korrelieren deutlich mit der Bildungsnähe des Elternhauses. Neu ist der Befund zur Entwicklung. Über vier Jahre verringerte sich der Abstand im Leseverständnis messbar, während der Abstand im Wortschatz nahezu unverändert blieb.
Für diese Diskrepanz lassen sich zwei Erklärungen prüfen. Erstens wird Leseverständnis im Unterricht systematisch geübt, Wortschatz überwiegend beiläufig erworben. Zweitens setzt Wortschatzerwerb Gelegenheiten außerhalb des Unterrichts voraus, die schulische Förderung nur begrenzt ersetzen kann. Die Daten erlauben keine Entscheidung zwischen beiden Erklärungen; sie sind mit beiden vereinbar.
Hinsichtlich der Fördermaßnahmen zeigt sich ein klarer Zusammenhang mit der Intensität, nicht mit der Form. Programme mit mindestens vier Wochenstunden über mindestens zwei Jahre wiesen durchgängig Effekte auf; kürzere oder seltenere Maßnahmen waren statistisch nicht von null zu unterscheiden, unabhängig von ihrem didaktischen Ansatz. Einschränkend ist anzumerken, dass die Zuweisung zu den Programmen nicht randomisiert erfolgte, weshalb Selektionseffekte nicht auszuschließen sind.
Von Interesse ist ferner ein Befund zur Streuung innerhalb der Klassen. Die Unterschiede zwischen den Schulen fielen geringer aus als die Unterschiede zwischen Klassen derselben Schule. Dieser Umstand verweist darauf, dass Merkmale des Unterrichts stärker ins Gewicht fallen als Merkmale des Standorts; er lässt jedoch offen, welche Merkmale dies sind, da Unterrichtsbeobachtungen nicht Teil der Erhebung waren.
Hinsichtlich der Sprachverwendung im Elternhaus ist ein Ergebnis hervorzuheben, das der verbreiteten Erwartung widerspricht. Entscheidend für die Entwicklung war nicht, welche Sprache zu Hause gesprochen wurde, sondern in welchem Umfang überhaupt gesprochen, erzählt und vorgelesen wurde. Kinder aus Familien, die konsequent eine andere Sprache als Deutsch verwendeten, dabei aber sprachlich reichhaltig, entwickelten sich günstiger als Kinder aus sprachlich armen deutschsprachigen Haushalten.
Die Untersuchung trifft keine Aussage über die Kosten der geprüften Maßnahmen und keine über deren Übertragbarkeit auf die Sekundarstufe. Beides bedarf gesonderter Erhebungen.
- die Einschulung
- starting school
- das Leseverständnis
- reading comprehension
- die Bildungsnähe
- closeness to education (educational background)
- die Diskrepanz
- the discrepancy
- beiläufig
- incidentally, in passing
- einschränkend
- with the qualification that