LibraryB1 · Article · 3 min

Wie ich endlich angefangen habe zu sprechen

Ich habe drei Jahre lang Deutsch gelernt, ohne wirklich zu sprechen. Grammatik konnte ich, Vokabeln auch. Aber sobald mich jemand etwas gefragt hat, war alles weg. Ich habe im Kopf übersetzt, nach der richtigen Endung gesucht und am Ende gar nichts gesagt.

Geändert hat sich das durch etwas ziemlich Unspektakuläres. Eine Lehrerin hat mich gebeten, jeden Abend fünf Minuten laut über meinen Tag zu sprechen — allein, ohne Zuhörer, ohne Korrektur. Zuerst kam ich mir albern vor. Nachdem ich es zwei Wochen gemacht hatte, merkte ich aber, dass mir die ersten Sätze leichter fielen.

Der zweite Schritt war ein Tandem. Ich habe jemanden gefunden, der Englisch lernt, und wir haben uns jede Woche getroffen: dreißig Minuten Deutsch, dreißig Minuten Englisch. Entscheidend war eine Regel, die wir am Anfang vereinbart haben — in der eigenen Hälfte wird nicht korrigiert, außer man bittet ausdrücklich darum. Dadurch verschwand die Angst, etwas Falsches zu sagen.

Was mir niemand vorher erklärt hatte: Fehler sind beim Sprechen nicht dasselbe wie Fehler beim Schreiben. Beim Schreiben hat man Zeit und kann prüfen. Beim Sprechen ist ein Satz mit falscher Endung, den man zu Ende bringt, mehr wert als ein perfekter Satz, den man nie anfängt. Je öfter ich das akzeptiert habe, desto flüssiger wurde ich.

Heute arbeite ich auf Deutsch. Meine Grammatik ist nicht besser als vor drei Jahren, ehrlich gesagt. Was sich geändert hat, ist die Bereitschaft, mit dem zu sprechen, was ich schon kann. An deiner Stelle würde ich nicht auf das Gefühl warten, bereit zu sein. Das Gefühl kommt nach dem Sprechen, nicht davor.

albern
silly, daft
das Tandem
a language exchange partnership
ausdrücklich
explicitly
entscheidend
decisive, crucial
flüssig
fluent
die Bereitschaft
the willingness
vereinbaren
to agree on

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