Die Maschine als Kollegin
Kaum ein Thema wird derzeit so beharrlich diskutiert wie die Frage, welche Folgen der Einsatz künstlicher Intelligenz für die Arbeitswelt haben wird. Die Debatte verläuft dabei in bemerkenswert festen Bahnen: Auf der einen Seite stehen jene, die eine umfassende Entlastung der Beschäftigten erwarten, auf der anderen jene, für die jede neue Anwendung zuerst ein Arbeitsplatzrisiko darstellt. Beide Lager argumentieren mit Zahlen, und beide finden welche, die zu ihnen passen.
Auffällig ist, wie selten dabei gefragt wird, was sich eigentlich verändert. Die verbreitete Vorstellung, ganze Berufe würden schlicht verschwinden, hält einer genaueren Betrachtung nur teilweise stand. Was sich verändert, sind zunächst Tätigkeiten innerhalb von Berufen. Eine Steuerberaterin, deren Routineprüfungen zu einem erheblichen Teil automatisiert ablaufen, hört nicht auf, Steuerberaterin zu sein; ihr Arbeitstag besteht anschließend aber aus anderen Anteilen als zuvor.
Diese Verschiebung ist deshalb bedeutsam, weil sie unterschiedlich verteilt ist. Die im vergangenen Jahr veröffentlichten Erhebungen des Instituts für Arbeitsmarktforschung legen nahe, dass Beschäftigte mit einem hohen Anteil standardisierter Aufgaben am stärksten betroffen sind – und dass es sich dabei überwiegend um mittlere Qualifikationsniveaus handelt. Gerade jene Tätigkeiten also, die in den vergangenen Jahrzehnten als sicher galten, geraten unter Druck, während körperliche Arbeit vorläufig kaum berührt wird.
Herr Vollmer, Personalleiter eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens, beschreibt den Vorgang aus der Praxis: "Wir haben niemanden entlassen. Wir stellen nur anders ein." Gesucht werde heute, wer Ergebnisse einer Software beurteilen könne, nicht mehr, wer sie erzeuge. Diese Aussage ist aufschlussreicher, als sie auf den ersten Blick wirkt, denn sie verlagert die Frage von der Beschäftigungsmenge auf die Beschäftigungsart.
Allerdings wäre es zu einfach, daraus eine beruhigende Bilanz zu ziehen. Wer anders einstellt, stellt manche Menschen nicht mehr ein. Die Rede von der Verschiebung statt des Verlustes beschreibt das Aggregat zutreffend und verdeckt gleichzeitig, dass Verschiebungen für einzelne Lebensläufe durchaus als Verlust erfahrbar sind. Eine Volkswirtschaft, in der ebenso viele Menschen arbeiten wie zuvor, kann sehr wohl eine Volkswirtschaft sein, in der viele Einzelne ihre Stellung eingebüßt haben.
An dieser Stelle pflegt die Debatte auf die Weiterbildung zu verweisen, und zwar mit einer Zuversicht, die empirisch nicht besonders gut abgesichert ist. Untersuchungen zur betrieblichen Qualifizierung zeigen seit Jahren dasselbe Muster: Angebote werden vor allem von denen genutzt, die ohnehin über hohe formale Bildung verfügen. Ausgerechnet die Gruppe, deren Tätigkeiten am ehesten automatisiert werden, nimmt am seltensten teil. Ungeachtet aller Programme reproduziert Weiterbildung somit eher bestehende Unterschiede, als sie auszugleichen.
Hinzu kommt ein zeitliches Problem. Qualifizierung wirkt über Jahre, technische Einführung über Monate. Selbst ein gut ausgestattetes Programm läuft der Entwicklung hinterher, zumal die Anforderungen, auf die es vorbereiten soll, während der Laufzeit bereits wieder andere sind. Das spricht nicht gegen Weiterbildung; es spricht dagegen, sie als vollständige Antwort zu behandeln.
Bemerkenswert ist überdies, wie stark die tatsächlichen Wirkungen von der Art der Einführung abhängen. In Betrieben, in denen Beschäftigte die Auswahl und Ausgestaltung der Systeme mitbestimmen konnten, fällt die Bewertung durchweg günstiger aus – und zwar nicht nur die Bewertung durch die Beschäftigten, sondern auch die der Produktivität. Wo Systeme dagegen von oben verordnet wurden, entstand jener stille Widerstand, der sich in keiner Statistik zeigt und dennoch teuer ist: Dokumentation wird nachlässig geführt, Ergebnisse werden nicht hinterfragt, Fehler werden spät gemeldet.
Daraus ließe sich der Schluss ziehen, dass die entscheidende Variable nicht die Technik ist, sondern die Organisation. Man sollte diesen Schluss jedoch nicht überdehnen. Es gibt Anwendungen, deren Wirkung von der Organisationsform vergleichsweise unabhängig ist, weil sie ganze Verfahren ersetzen und nicht bloß unterstützen. Wer Übersetzungen anfertigt oder Standardtexte verfasst, erlebt eine andere Art von Veränderung als eine Ärztin, die eine Verdachtsdiagnose bestätigt oder verwirft.
Was folgt daraus für die politische Diskussion? Vor allem, dass die üblichen Kennzahlen zu grob sind. Die Arbeitslosenquote, seit Jahrzehnten das Leitmaß jeder arbeitsmarktpolitischen Debatte, erfasst genau das nicht, worum es hier geht: die Veränderung von Tätigkeitszuschnitten, Anforderungsprofilen und Autonomie innerhalb bestehender Beschäftigung. Solange diese Größen nicht systematisch erhoben werden, wird jede Seite weiterhin Zahlen finden, die ihre Erwartung bestätigen.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Wirkungen zeitlich versetzt eintreten und daher regelmäßig falsch zugeordnet werden. Ein Unternehmen, das eine Anwendung einführt, stellt zunächst niemanden ein und entlässt niemanden; erst bei der nächsten Umstrukturierung, häufig Jahre später, wird die Stelle nicht wieder besetzt. In der Statistik erscheint dieser Vorgang als konjunkturelle Anpassung, nicht als technologische Folge. Wer nach eindeutigen Belegen für Verdrängung sucht, wird sie deshalb kaum finden – was allerdings ebenso wenig als Entwarnung taugt wie als Beweis.
Hilfreicher als die Suche nach dem Gesamteffekt wäre die Frage, welche Fähigkeiten an Wert gewinnen. Auffällig ist, dass es nicht durchweg die technischen sind. Gefragt ist, wer beurteilen kann, ob ein plausibel formuliertes Ergebnis tatsächlich zutrifft, wer Verantwortung für eine Entscheidung übernimmt, die eine Maschine vorbereitet hat, und wer einer Kundin erklären kann, warum ein Antrag abgelehnt wurde. Das sind sämtlich Fähigkeiten, die in Ausbildungsordnungen bislang kaum vorkommen, weil sie früher stillschweigend mitgeliefert wurden.
Angesichts dieser Lage erscheint eine gewisse Zurückhaltung bei Prognosen angebracht. Die Geschichte technischer Umbrüche legt nahe, dass sowohl die Untergangserwartungen als auch die Entlastungsversprechen regelmäßig übertrieben wurden; sie legt allerdings nicht nahe, dass deshalb alles beim Alten bleibt. Was sich in früheren Umbrüchen als entscheidend erwies, war nicht die Frage, ob Arbeit verschwindet, sondern wer die Kosten der Anpassung trug.
Und genau diese Frage wird gegenwärtig am wenigsten offen verhandelt. Sie ist keine technische, sondern eine Verteilungsfrage, und sie lässt sich nicht dadurch beantworten, dass man auf die Innovationskraft der Wirtschaft oder auf die Anpassungsfähigkeit der Beschäftigten verweist. Wer über künstliche Intelligenz und Arbeit sprechen will, sollte deshalb weniger über Maschinen sprechen und mehr darüber, wie in einem Betrieb Entscheidungen zustande kommen.
- beharrlich
- persistently, doggedly
- die Erhebung
- the survey, the data collection
- aufschlussreich
- revealing, informative
- eingebüßt
- forfeited, lost (einbüßen)
- ungeachtet
- regardless of, notwithstanding
- überdehnen
- to overstretch (an argument)
- der Tätigkeitszuschnitt
- the shape of a job, what a role consists of
- die Zurückhaltung
- restraint, reticence