Die Stadt, die ihre Gäste satt hat
Im Juli dieses Jahres hat der Stadtrat einer mittelgroßen europäischen Hafenstadt beschlossen, die Zahl der Kreuzfahrtschiffe zu begrenzen, die pro Tag anlegen dürfen. Die Nachricht wurde im Ausland als Zeichen einer neuen Härte gelesen. Vor Ort war die Stimmung komplizierter.
Zunächst die Zahlen, über die alle Beteiligten sich einig sind. Auf 60.000 Einwohner kamen zuletzt rund vier Millionen Tagesgäste im Jahr. In der Altstadt ist der Anteil der Wohnungen, die dauerhaft vermietet werden, seit 2015 von etwa achtzig auf unter vierzig Prozent gefallen. Die im Frühjahr veröffentlichte Erhebung der Stadtverwaltung nennt beide Werte, ohne sie zu kommentieren.
Die Bewertung dieser Zahlen geht dann weit auseinander. Der Handelsverband weist darauf hin, dass jeder vierte Arbeitsplatz direkt oder indirekt vom Tourismus abhängt, und warnt davor, eine funktionierende Branche zu beschädigen, um ein Wohnungsproblem zu lösen, das andere Ursachen habe. Die Bürgerinitiative, die die Begrenzung seit Jahren fordert, hält dagegen, dass viele dieser Arbeitsplätze saisonal und schlecht bezahlt seien und die Betroffenen sich das Wohnen in der Stadt längst nicht mehr leisten könnten.
Bemerkenswert ist, dass beide Seiten dieselbe Erhebung zitieren. Der Verband betont die Wertschöpfung, die Initiative die Mietentwicklung. Ein Widerspruch ist das nicht: Die Daten geben beides her, und die eigentliche Frage, was einer Stadt wichtiger ist, beantwortet keine Statistik.
Interessanter als der Streit ist deshalb ein Detail der Regelung. Begrenzt wird nicht die Zahl der Gäste, sondern die Zahl der Schiffe, die gleichzeitig anlegen. Damit soll nicht der Tourismus insgesamt schrumpfen, sondern die Spitze am Vormittag gebrochen werden, wenn drei Schiffe zugleich mehrere tausend Menschen in dieselben vier Gassen entlassen. Wer abends bleibt, isst in der Stadt und übernachtet dort, und ist wirtschaftlich deutlich mehr wert als der Gast, der um vier Uhr wieder an Bord geht.
Ob die Maßnahme wirkt, wird sich frühestens in zwei Jahren sagen lassen. Vergleichbare Städte haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht: Wo nur die Ankunftszeiten gesteuert wurden, hat sich das Problem oft nur verschoben. Wo zusätzlich in Wohnraum investiert wurde, blieben die Effekte eher bestehen.
Wie die Kosten verteilt sind, zeigt sich am deutlichsten an Dingen, über die selten berichtet wird. Die Reinigung der Altstadt, die zusätzlichen Busse zum Hafen und das Personal für die Besucherlenkung bezahlt die Kommune, während die Einnahmen aus der Anreise weitgehend bei den Reedereien bleiben. Eine Abgabe pro Passagier gibt es zwar, doch sie deckt nach Angaben der Verwaltung nur einen Teil dieser Ausgaben.
Auch die Bewohner sind sich untereinander keineswegs einig. In einer Befragung der Universität sprachen sich die Älteren im Zentrum überwiegend für eine Begrenzung aus, während jüngere Befragte in den Außenbezirken den Tourismus deutlich positiver bewerteten, weil viele von ihnen in der Branche arbeiten. Wer also von der Meinung der Stadt spricht, vereinfacht.
Man sollte die Debatte deshalb nicht als Kampf zwischen Einwohnern und Gästen lesen. Sie handelt davon, wem der Ertrag zufällt und wer die Kosten trägt, und diese Frage stellt sich unabhängig davon, wie viele Schiffe im Hafen liegen.